Interview with Klaus Ziegler on www.china.org.cn

"Zulassungsverfahren nicht unterschätzen" Exklusiv

Schlagwörter: Marktzugang Normen Zertifikate CCC CE Zertifizierung Schweiz

von Wolfgang Kuhn, Beijing

Der Schweizer Klaus Ziegler ist Präsident von Quality Partnerships GmbH und einer der führenden Experten für Normen und Zertifikate in China. Im Interview mit China.org.cn spricht er über die Schwierigkeiten, die zu bewältigen sind, wenn man als ausländisches Unternehmen ein Produkt auf den chinesischen Markt bringen will.

China.org.cn: Sehr geehrter Herr Ziegler, welche Aufgabengebiete nehmen Sie mit Ihrer Firma Quality Partnerships in China wahr?

Klaus Ziegler: Wir haben uns spezialisiert auf Fragen der Qualitätsinfrastruktur in China. Das sind im Wesentlichen drei Bereiche: Der erste ist die Normierung, da betreuen wir auch das Projekt des europäischen Normenexperten in China, bei dem es einerseits um die globale Kooperation zur Normenförderung geht, aber auch um den direkten Dialog zwischen Europa und China. Der zweite Bereich ist der Marktzugang in China. Hier geht es um die technischen Lizenzen, die notwendig sind, um Produkte auf den Markt zu bringen. Hier übernehmen wir die Funktion eines Agenten für europäische Unternehmen, die Produkte auf den chinesischen Markt bringen wollen. Dabei handelt es sich beispielsweise um Haushaltsgüter, medizinische Güter oder auch Supplier der Automobilbranche. Für die Mehrheit der Güter, die nach China importiert werden, braucht es eine staatliche Lizenz. Wir helfen den Unternehmen, diese Lizenz zu bekommen. Das ist speziell für Klein- und Mittelunternehmen wichtig, weil diese häufig keine Erfahrung hier in China haben; die müssen sich mit einem Agenten abstimmen, um diese Lizenzen zu erhalten. Offiziell geht es natürlich auch ohne diese Hilfe, aber in der Praxis ist es ein riesiger Umweg, wenn man das selbst versucht. Unser dritter Bereich liegt mehr im Bereich des Aufbauens von Zertifizierungssystemen hier in China. Da helfen wir in verschiedenen Bereichen mit, neue Zertifizierungssysteme aufzubauen, sowohl für die Industrie als auch für die Regierung.

Vor dem Zugang zum chinesischen Markt steht die Zertifizierung. Worin liegen dabei die Hauptunterschiede zu Europa?

In Europa ist der Marktzugang grundsätzlich frei, das heißt, es braucht keine Bewilligung, um Güter auf den Markt zu bringen, mit ganz wenigen Ausnahmen wie beispielsweise bei der Strahlensicherheit. In China ist das umgekehrt: Hier gilt die Regelung, dass das Platzieren von Produkten auf dem Markt in vielen Fällen bewilligungspflichtig ist. Das hat wichtige Konsequenzen: Während in Europa die Selbstdeklaration mit beispielsweise dem CE-Zeichen gilt, braucht es in China ein Zertifikat oder eine Lizenz – das hängt ein bisschen vom Verfahren ab. Die Zertifikate werden entweder national oder von den entsprechenden Ministerien ausgestellt. Der Hintergrund ist, dass in China der Staat nach wie vor eine Mitverantwortung trägt für die Sicherheit der Güter auf dem Markt.

Die bekannteste Lizenz ist die so genannte CCC-Zertifizierung, die für mehr als 150 Produktkategorien – angefangen von elektrischen Geräten über Autos bis hin zu Spielzeug – erworben werden muss. Was hat es mit dieser Lizenz genau auf sich?

Bei der CCC-Zertifizierung handelt es sich um das einzige national vereinheitlichte Zulassungsverfahren. Es wurde eingeführt, als China dem TBT-Abkommen [ein Abkommen der Welthandelsorganisation über technische Handelshemmnisse] beigetreten ist, um viele Zulassungsverfahren zu vereinheitlichen. CCC gilt sowohl für importierte Waren als auch Güter, die in China hergestellt werden. Alle Güter unter dieser Kategorie müssen einen Typentest ablegen und geprüft werden. Vorgeschrieben sind auch eine Inspektion in der jeweiligen Fabrik und eine sehr sorgfältige Dokumentationsarbeit. Grundsätzlich ist die große Mehrzahl der in Europa zulassungsfähigen Güter auch in China zulassungsfähig. Es ist nur eine Frage, wie man’s macht.

Welche Fehler begehen Firmen, die am chinesischen Markt aktiv werden möchten, am häufigsten?

Der häufigste Fehler ist erstaunlicherweise das Ignorieren der chinesischen Zulassungsbedingungen und der chinesischen Normung. Die chinesischen Normen sind nicht immer identisch mit den europäischen Normen, häufig verlangen sie effektiv andere Nachweise. Manchmal muss man in solchen Fällen die Dokumentation oder das Prüfverfahren ändern. Der zweite häufige Fehler ist, dass man Produkte einfach nach China schickt in der Annahme, die kommen dann schon rein. Da kann ich fast garantieren, dass solche Produkte am Zoll hängenbleiben und somit de facto für den zeitgerechten Verkauf verloren sind, da man sie nach Europa zurückschicken muss. Wenn sich eine Firma entschließt, durch das Zulassungsverfahren zu gehen, wird häufig der Aufwand unterschätzt, sowohl finanziell als auch zeitlich. Die meisten Firmen hoffen darauf, dass die Verfahren innerhalb weniger Wochen abgeschlossen werden können, was die chinesischen Regularien auch theoretisch festlegen. In der Praxis ist das aber nicht so: Ein CCC-Verfahren dauert fünf bis acht Monate, kann aber in Ausnahmenfällen auch über ein Jahr gehen. Immer wieder müssen Dokumente nachgereicht werden, und das Prozedere beginnt von neuem. Wenn eine Firma mit dem Verfahren Erfahrung hat und die Fabrik bereits inspiziert wurde, geht es erheblich schneller, aber auch dann gibt es wenige Garantien.

Ist es notwendig, bei den Verfahren das geistige Eigentum zu schützen und wie geht man dabei am besten vor?

Das ist auf alle Fälle notwendig. Erstens geht es um den Schutz der Marke, den man schon vornehmen sollte, bevor man überhaupt die Güter nach China schickt. Schutz- und Urheberrechte kann und soll man in China registrieren lassen. Es ist ganz wichtig, dass man bei diesem Thema ein Konzept hat, wie man in China vorgeht, weil das Risiko für Nachkopieren doch erheblich sein kann. Wenn man da nicht die rechtlichen Vorkehrungen getroffen hat, ist man ungeschützt in China. Man riskiert in solchen Fällen sogar, dass die Patente von chinesischer Seite registriert werden, bevor man selbst dazukommt, dies zu tun.

Sehen Sie in den Lizenzierungsanforderungen eine Diskriminierung ausländischer Unternehmen?

Das ist eine schwierige Frage. Grundsätzlich besteht bis auf wenige Verfahren keine offene Diskriminierung. Aber es ist natürlich so, dass ein lokal gut verwurzeltes und vernetztes Unternehmen die Leute und die Verfahren besser kennt und somit wesentlich schneller zum Ziel kommt. Die großen Unternehmen in China haben so viele Verfahren im Laufen, dass sie im dauernden Kontakt mit den Behörden sind, dadurch genießen sie eine indirekte Bevorzugung aus diesem Beziehungsnetz. Aber an eine direkte Bevorzugung glaube ich eigentlich nicht.

Haben diese "technische Marktzugangsbarrieren" Auswirkungen auf den Handel mit China?

Ja, ich denke, dass diese Zulassungsverfahren speziell für ausländische Unternehmen eine echte Belastung sind. Das wirkt sich vor allem dort aus, wo keine Massenartikel geliefert werden, die aber trotzdem noch unter CCC fallen, zum Beispiel bei Ersatzteillieferungen oder bei kleineren Serien wie bei Designerlampen. Das wirkt sich dann als echte Marktbarriere aus, weil mit den Verfahren ganz erhebliche Mehrkosten verbunden sind. Dann gibt es auch einige echte diskriminierende Verfahren, wie zum Beispiel bei der Kryptographie, wo ausländische Unternehmen schlicht nicht zugelassen sind.

Gerade wurde in Beijing eine neue Führung gewählt. Erwarten Sie sich in gewissen Bereichen Änderungen beziehungsweise eine weitere Öffnung des Marktes?

Ich weiß nicht, was die neue Führung im Sinne hat, von da her kann ich keine Prognosen abgeben. Aber aus der Erfahrung der letzten Jahre habe ich das Gefühl, dass die technischen Handelsbarrieren eher zunehmen werden. In anderen Bereichen wird der Marktzugang vielleicht einfacher werden, aber bei den technischen Handelsbarrieren wird es immer schwieriger. Das hat zwei Gründe: Der erste ist, dass die Verfahren professioneller werden und damit auch viel detaillierter und gründlicher. Der zweite Grund ist, dass das ganze Zulassungsverfahren ein intern in sich geschlossenes System ist und daher die üblichen Marktmechanismen nicht zur Geltung kommen.

Eine allgemeine Frage: Sie sind als Schweizer Unternehmer hier in China erfolgreich. Genießt die Schweiz in China einen guten Ruf beziehungsweise kann man sagen, dass das Land als vertrauenswürdiger Partner angesehen wird?

Ziegler (lacht): Ich glaube schon, dass da ein gewisser Vorteil besteht. Dem Schweizer geht ein gewisser Ruf des exakten, präzisen Arbeitens voraus; Produkte aus der Schweiz gelten als qualitativ hochstehend und zweckdienlich.

Was verbinden Chinesen Ihrer Meinung nach mit der Schweiz?

Das klassische Bild: Uhren, Luxusgüter und Banken, dann vielleicht noch Tourismus. In der Schweiz gibt es schon Ziele, die sich viele Chinesen vielleicht einmal anschauen möchten. In Regierungskreisen ist das Land auch bekannt als Ort der Diplomatie. In der Schweiz ist es sehr einfach, ein Unternehmen zu gründen, was gewisse Wettbewerbsvorteile mit sich bringt. Für chinesische Unternehmen ist dann auch die Vielsprachigkeit in der Schweiz interessant.

Sie leben jetzt seit 15 Jahren in Asien. Was schätzen Sie persönlich an China besonders und in welchen Momenten wären Sie lieber in der Schweiz?

Das einzige, das in diesem Land konstant ist, ist die Veränderung: Die Bewegung und Veränderung auf allen Gebieten – ob wirtschaftlich, sozial oder politisch – ist enorm und geht mit einer Geschwindigkeit, die vermutlich auch für die Chinesen kaum mehr nachvollziehbar ist. Das macht die Sache auch sehr spannend, daraus kommen sehr viele neue Ideen, es wächst viel daraus. Und dieses Umfeld macht mir Spaß. Wenn ich am Montagmorgen ins Büro komme, weiß ich nicht, was ich tun werde und was der Tag bringen wird. Was mich auch immer wieder freut ist die Begegnung mit anderen Kulturen, ich empfinde auch die Zusammenarbeit mit den Chinesen sehr angenehm, freundschaftlich und kooperativ, das macht mir auch Spaß. Die interkulturelle Zusammenarbeit ist mittlerweile nach all den Jahren auch schon eine Spezialität von mir. Weniger lustig ist die Umweltverschmutzung, speziell die Luft, der kann man nicht ausweichen und man ist ihr einfach ausgeliefert.

ZUR PERSON: Klaus Ziegler lebt und arbeitet seit 15 Jahren in Ostasien und kam zunächst durch einen internen Transfer der Wareninspektionsfirma SGS nach Taiwan. Daraufhin wurde er Geschäftsleiter in Japan. Anschließend kurzer Aufenthalt in den USA und wieder Taiwan, ehe er vor acht Jahren als Normenexperte nach Beijing kam. Seine Firma "Quality Partnerships GmbH" ist für die Ausführung des Projektes "Europäischer Normenexperte für China" verantwortlich, ein Gemeinschaftsprojekt der Europäischen Normenorganisationen CEN, CENELEC und ETSI, gesponsert von der EU-Kommission und dem EFTA-Sekretariat in Brüssel.